Als Kind war meine Taktik nicht aufzufallen. Das funktionierte ganz gut. Ich war gut in der Schule. Gerade so, dass die Eltern sagten: läuft. Meine Noten waren voll in Ordnung. Manchmal sehr gut. Aber niemand kam in Versuchung, zu sagen: Wow, ein Wunderkind. Genau richtig, um meine Ruhe zu haben.
Wenn sie sich stritten, verzog ich mich in mein Zimmer. Sie vergaßen, dass ich ihren Diskussionen lauschten. Sie vergaßen, dass es mich ja auch noch gab. Sie vergaßen, was es mit einem Kind macht, wenn die Eltern keine guten, sondern nur schlechtee Gespräche miteinander führen.
Wenn meine Mutter mich beachtete, dann wenn ich aus Versehen etwas falsch gemacht hatte. Dann sagte sie: Du bist wie Dein Vater.
Wie der Vater, über den sie in Momenten zu zweit sagte, dass sie es nicht mehr mit ihm aushalte, dass sie ihn verlassen würde, wenn sie nur finanziell unabhängig wäre. Dass sie ihn für rückständig hielte.
Ich war wie der Vater also.
Wie ich war und wer ich wirklich war, wusste ich nicht. Und als ich in die Pubertät kam, wurde ich mir selbst noch fremder. Ich begann damit, mich von außen zu sehen. Diese mir fremde Person zu betrachten. So kritisch, wie niemanden anders. Ich war ein Kind von Eltern, die sich nicht mehr mochten. Ich war wie mein Vater, diese selten anwesende, mir ebenfalls fremde Person, die niemand mochte. Ich hasste mich nicht, aber musste mir beweisen, dass ich etwas wert war. Nur dann, wenn ich gut in der Schule war, wenn meine Freundinnen und Freunde Zuneigung entgegen brachten, fühlte ich mich sicher. In Momenten des Versagens und der Einsamkeit bröckelte der Boden unter mir. Ich war beliebt, irgendwann auch bei den Jungs. Aber ich selbst blieb mir fremd.